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Das Des-Kaisers-neue-Kleider-Phänomen oder „Aber du hast ja gar nichts an!“

Da wartet man sehnsüchtig auf die ersten Worte des geliebten Kindes, ist vom ersten „Mamamam“ oder „Papapap“ zu Tränen gerührt, zeigt sich hocherfreut wenn Unmut nicht mehr durch schrilles Gebrüll sondern ein eloquentes „Karl-Ole hat Aua-Bauch“ kundgetan wird, um dann nach kürzester Zeit festzustellen, dass man in gewissen Situationen die Sprachlosigkeit des jungen Erdenbürgers mehr als vermisst.

Ich nenne solche Situationen gerne meine „Des-Kaisers-neue-Kleider-Momente“ – warum, werde ich gleich erklären.

Der Sohnemann war etwa drei Jahre alt und es war einer dieser Tage, die eindeutig zu wenige Stunden haben. Kaum ist das Kind glücklich im Kindergarten gelandet, vergehen fünf Stunden wie eine. Du erledigst einen Haufen Kram und wenn es Zeit ist, das Kind wieder abzuholen, fragst du dich, was du eigentlich die ganze Zeit gemacht hast und warum du noch nicht einmal zum Duschen gekommen bist. Das galt es an diesem speziellen Tag dann ganz dringend nachzuholen – die Sache mit dem Duschen. Doch kaum will ich mich ins kühle Nass begeben, läutet das Telefon. Egal, kann warten – wozu hat man einen Anrufbeantworter.

Doch dann tut der Sohnemann etwas, was er sonst nie tut: er nimmt den Anruf entgegen! Eigentlich hasst er Telefonieren – bis heute. Er scheut es wie der Teufel das Weihwasser und wenn ich ihn zu Geburts- und Feiertagen mit viel gutem Zureden und notfalls auch Bestechung dazu bekomme, für einen lieben Verwandten ein halbherziges „Alles Gute. Tschüss.“ in den Hörer zu murmeln, dann ist das schon eine große Sache. Doch ausgerechnet in diesem Moment ist das Telefon interessant. Ich schwinge mir also rasch ein Handtuch um den bereits bloßen Leib und haste aus dem Badezimmer – es könnte immerhin ein Auftraggeber sein. Sohnemann streckt mir schon das Telefon entgegen. Immerhin ist es kein Auftraggeber sondern meine Freundin K..

Sohnemann guckt mich kritisch an, zeigt mit seinem Zeigefinger auf mich und ruft ganz entsetzt: „Aber du hast ja gar nichts an!“. Anscheinend zählt für ihn ein eventuell tatsächlich auch etwas kleingeratenes Handtuch nicht als Bekleidung. Mit bösem Blick und fuchtelnder Hand versuche ich dem Kind zu signalisieren, dass es doch bitte ruhig sein möge, aber der Sohnemann versteht mein Gestikulieren als Aufforderung, noch einen draufzusetzen: „Warum telefonierst du nackt?!“ Ich werde hochrot, fühle mich an Albträume erinnert, in denen man entblößt in der Fußgängerzone steht und murmele ein rechtfertigendes „Ich habe ein Handtuch um, komme gerade aus der Dusche.“ ins Telefon. K. lacht. K. hat auch Kinder. K. hat auch diese schöne Postkarte in der Küche hängen auf der steht „Mich regt nichts auf. Ich habe Kinder.“ Aber dazu ein andermal mehr. K. kennt jedenfalls diese „Des-Kaisers-neue-Kleider-Momente“. K. erzählt, dass sie nur noch mit tief geneigtem Kopf durch ihr Treppenhaus schleicht, seit sie dort einmal gemeinsam mit ihrer Tochter der Nachbarin begegnete und Töchterlein meinte, lautstark fragen zu müssen, warum die dicke Frau denn so ein hässliches Kleid anhabe. Ja, Kinder.

Ich muss zugeben, manchmal kann ich nicht sagen, ob es tatsächlich die kindliche Unschuld ist, die uns derartige Momente beschert oder ob nicht doch auch manches Mal ein wenig Plan nach dem Motto „klein und gemein“ in solchen Situationen steckt.

Die vermeintlich jugendliche Unschuld kann einen in jedem Fall ganz schön in die Bredouille bringen. Diese Erfahrung musste auch Sohnemanns geliebte Tante einst machen. Der Sohnemann verbrachte in den letzten Sommerferien eine Woche bei meiner Schwester im schönen Nordwesten und hätte bei dieser Gelegenheit die liebe Tante beinahe in ganz schöne Schwierigkeiten gebracht, wären die Umstände nur ein wenig anders gewesen. Sohnemann und Tante erledigten ein paar Einkäufe in einer bekannten Drogeriemarktkette. Das heißt, die Tante kaufte ein und der Filius verkrümelte sich in eine dieser Spieleecken für die er eigentlich mindestens vier Jahre zu alt ist.  Als die Tante alle Einkäufe zusammengesucht hatte, wollte sie den Sohnemann zum Gang an die Kasse einsammeln – was dieser gar keine gute Idee fand. Da er nun aber aus dem Spieleecken-Alter eigentlich rausgewachsen ist und damit glücklicherweise auch aus dem Alter, in dem man sich in solchen Situationen mit Armen und Beinen strampelnd schreiend auf den Boden wirft, versuchte er eine andere Masche. Er guckt die liebe Tante ganz ernst und unschuldig an und sagt lautstark: „Ich gehe nicht mit Ihnen. Ich kenne Sie doch gar nicht!“. Die Tante war jedenfalls sehr froh, dass das erstens niemand um sie herum hörte oder hören wollte und der Sohnemann zweitens die Situation nur Sekundenbruchteile später durch ein Lachen auflöste und dann doch gleich mitkam. Von mir gab es später dennoch einen Vortrag über angemessene und unangemessene Scherze und die schöne Geschichte vom Hirtenjungen, der aus purer Langeweile immer alle verschreckt, indem er behauptet, ein Wolf wäre im Anmarsch, was dann niemand mehr glaubt, als der Wolf dann wirklich auftaucht, setzte ich auch noch obendrauf. (Das Ganze auch noch über das verhasste Telefon – ja, klein und gemein kann ich nämlich auch!) Und ich musste mich ernsthaft fragen, wann hört sie auf, die kindliche Unschuld und wo fängt Berechnung an?

Michaela ist Jahrgang 1979 und lebt und schreibt in Berlin. Schon während ihrer Jugend in der nordhessischen Provinz träumte sie vom Leben in der Metropole und nun verpasst sie dort tatsächlich die aufregenderen Sachen, wenn sie freitagabends einmal wieder beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen ist. Das Großstadtleben meistert sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Mann und hat den größten Respekt vor allen Zwillingseltern, weil sie weiß, dass sich schon ein Kind an manchen Tagen wie ganz viele anfühlen kann.

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