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Germany‘s next Top Toddler

Eltern sind stolz auf ihre Kinder. Und Eltern geben mit ihren Kindern an. Wir alle sind davor nicht gefeit und haben unsere persönlichen Schwachstellen.

Heute mal wieder eine aktuelle Glosse für Euch – Achtung enthält manchen bissigen Kommentar 😉


Eltern sind stolz auf ihre Kinder. Und Eltern geben mit ihren Kindern an. Wir alle sind davor nicht gefeit und haben unsere persönlichen Schwachstellen. Meist werden wir dabei fleißig von anderen Familienmitgliedern unterstützt. Als mein Vater das erste Mal seinen Enkel in Berlin im Kinderwagen spazieren fuhr, kam er vollkommen entsetzt wieder zurück und echauffierte sich darüber, wie ignorant diese Großstädter doch seien – da guckt ja kaum einer mal in den Kinderwagen, um die Niedlichkeit des wohl entzückendsten Neugeborenen der Welt zu bewundern! Von meiner Mutter höre ich regelmäßig Sätze wie: „Das sage ich jetzt nicht, weil es mein Enkel ist, aber der Filius ist ja wirklich ein cleveres Kerlchen!“ Meine Neigung zur Oberflächlichkeit drückt sich in der unbändigen Freude aus, die ich empfinde, wenn der Sohnemann ein Kompliment für seine tollen blauen Augen bekommt. Die sind aber auch hypnotisierend! Zahlreiche Herzen wird er mit ihnen brechen. Wer das nicht erkennt…

Andere Miteltern wiederum können sich schwerlich zurückhalten, wenn es darum geht, den außergewöhnlichen geistigen Entwicklungsstand ihres kleinen Einsteins hervorzukehren. Bei manch einem zeigt sich der Drang nach Besonderheit bereits in der Namensgebung. Da wird ganz gewagt Bullerbü mit altdeutscher Klassik gemischt um eine verwegen intellektuell klingende Doppelnamenkombination zu erhalten, die garantiert auf jedem Spielplatz auffällt. Ich denke, wie bei allem, kommt es auch hier auf das richtige Maß an und Mutter Natur hat es schon ganz gut eingerichtet, dass jeder den eigenen Nachwuchs für das Klügste und Schönste hält, was der Welt je passieren konnte. Ich denke, es kann für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins nicht schaden, wenn es da jemanden gibt, der unsere positiven Seiten hervorkehrt und alles Negative, was über einen gesagt wird, zunächst einmal in Frage stellt. Mein Sohn zumindest zeigt trotz meiner Begeisterung für seine blauen Strahleaugen bisher keine Anzeichen dafür, dass er sich bereits für den nächsten Frank Ol‘ Blue Eyes Sinatra hält – jedenfalls habe ich ihn noch nicht dabei erwischt, wie er vor dem Spiegel „New York, New York“ in eine Haarbürste schmettert.

Allerdings gibt es auch Auswüchse elterlichen Stolzes und elterlicher Angeberei, die mir persönlich – milde ausgedrückt – unglaublich auf den Keks gehen. Und zwar immer dann, wenn aus ein bisschen Angeberei ein Wettkampf entsteht. Dann wird nicht mehr mit verschämtem Stolz in der Stimme von den neuesten Heldentaten des Nachwuchses berichtet, sondern die „Leistungen“ des eigenen Kindes gnadenlos mit denen anderer Kinder verglichen. Schon wer in übersteigerter Form mit seinem Nachwuchs prahlt, wertet zugleich die Kinder anderer Eltern ab – sagen auch Psychologen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Wenn mehrere Eltern dieses Kalibers zusammentreffen, dann wird die vermeintlich harmlose Krabbelgruppe zu Germany‘s next Top Toddler. Was allein deshalb ein guter Vergleich ist, weil sich die jungen Damen um „Model-Mama“ Heidi zum Teil auf einem ähnlichen Entwicklungsstand zu befinden scheinen, wie die Kleinkinder. Sie lernen laufen, wenn man ihnen die Haare schneiden will, muss man ihnen sehr gut zureden, sie reagieren auf Kritik mit Trotz- oder Heulanfällen und hauen sich zwar nicht gegenseitig im Sandkasten die Schäufelchen auf den Kopf, tragen jedoch permanent Streitigkeiten auf einem ähnlich hohen Niveau aus.

Meine erste Begegnung mit einem überehrgeizigen Elternteil machte ich einst vor vielen Jahren in der Wartehalle eines Flughafens. Der Sohnemann war etwa elf Monate alt und kurz davor, die ersten Schritte zu gehen. Er zog sich fleißig überall hoch, um sich dann über eine möglichst weite Strecke zu hangeln. Das tat er nun auch auf dem Flughafen, während wir auf das Boarding warteten. Er zog sich an den Bänken in der Wartehalle hoch, um dann so lange daran entlang zu hangeln, bis er auf ein Bein oder das Ende der Stuhlreihe stieß. Kritisch beäugt wurde er dabei von einem Mann, der ebenfalls mit Kleinkind – nennen wir das Kind doch einfach Karl-Vincent – reiste. Nach einer Zeit kritischen Beäugens fragte Karl-Vincents Papa mich schließlich etwas, was ihm schon lange auf der Seele zu brennen schien: „Wie alt ist er denn?“ Ich ging davon aus, dass er den Sohnemann und nicht den holden Gatten meinte und antwortete: „Elf Monate. Und Ihrer?“, erwiderte ich. „15 Monate“, nuschelte Karl-Vincents Papa in seinen nicht vorhandenen Bart, um sich dann mit den Worten „Karl-Vincent, der Junge ist viel kleiner als du, stell dich doch auch mal hin, dann bist du größer!“, an sein Kind zu wenden. Karl-Vincent blieb unbeeindruckt sitzen und betrachtete irgendetwas in seiner Hand. Karl-Vincent war mir ausgesprochen sympathisch, während sein Papa jegliche Sympathiewerte verspielt hatte. Das wiederum schien Karl-Vincents Papa nicht zu beeindrucken, denn nun begann er ausführlich zu erzählen, dass sein Sohn mit dem Laufen ja noch nicht so weit sei, aber dass er ja auch schon häufig gehört habe, dass Kinder, die sich motorisch nicht so schnell entwickeln, besonders intelligent wären. Das verschlug mir die Sprache, was wiederrum Karl-Vincents Erzeuger dazu nutzte, während des begonnen Boardings zu einem Vortrag über die negativen Wirkungen von Schnullern anzuheben. (Sohnemann übte mit einem ganz besonders schönen Schnullerexemplar nämlich gerade Pirouetten im Mund zu drehen).

„Karl-Vincent hat ja keinen Schnuller, wir wollten ihm später einmal die Zahnspange ersparen. Außerdem ist ein Schnuller ja auch nicht so gut zum Sprechen lernen. Karl-Vincent artikuliert sich schon sehr deutlich.“ Karl-Vincent fing an zu brüllen – sehr artikuliert, sehr deutlich. Und lang. Sehr lang. Genaugenommen gefühlt durchgehend vom Boarding bis zum Ende des Acht-Stunden-Flugs. Wir saßen in der Reihe neben Kar-Vincent und seinem Papa und meine Gefühle schwankten zwischen Mitgefühl und Schadenfreude. Wir hatten ein solches Gebrüll vom Sohnemann auf dem Hinflug fast durchgehend ertragen müssen. Normalerweise hätte ich daher für den armen Papa neben mir zumindest ein paar mitfühlende Worte parat gehabt oder einen Keks zur Ablenkung für das Kind angeboten. Aber da ich mit einem Vortrag über gesunde Ernährung und Butterkekse rechnete, verkniff ich mir das lieber.
Mit überbordendem Konkurrenzgehabe macht man eben nicht nur die anderen klein, man grenzt sich auch ab und das nicht unbedingt zum eigenen Vorteil…

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Michaela ist Jahrgang 1979 und lebt und schreibt in Berlin. Schon während ihrer Jugend in der nordhessischen Provinz träumte sie vom Leben in der Metropole und nun verpasst sie dort tatsächlich die aufregenderen Sachen, wenn sie freitagabends einmal wieder beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen ist. Das Großstadtleben meistert sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Mann und hat den größten Respekt vor allen Zwillingseltern, weil sie weiß, dass sich schon ein Kind an manchen Tagen wie ganz viele anfühlen kann.

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