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Glossen

Geständnisse – das geheime Leben einer Mutter

Leider muss ich nun all diejenigen enttäuschen, die hoffen, hier zu lesen, wie ich einmal im Jahr meinem tristen Alltag für eine Woche entfliehe, um mich in einem verschwiegenen kleinen Hotel in Südfrankreich mit meinem langjährigen Liebhaber zu treffen, während Mann und Kind glauben, ich würde mit der besten Freundin eine Wellnesswoche im Harz einlegen.

Leider muss ich nun all diejenigen enttäuschen, die hoffen, hier zu lesen, wie ich einmal im Jahr meinem tristen Alltag für eine Woche entfliehe, um mich in einem verschwiegenen kleinen Hotel in Südfrankreich mit meinem langjährigen Liebhaber zu treffen, während Mann und Kind glauben, ich würde mit der besten Freundin eine Wellnesswoche im Harz einlegen. Auch wenn dieser Plan für meinen Göttergatten wahrscheinlich schon erschreckend durchdacht wirkt, derart pikante Details habe ich nicht preiszugeben.

Und auch die, die denken, ich gebe an dieser Stelle meine Tarnung als geheime Geheimagentin mit gefährlicher Mission auf und endlich zu, dass Mann und Kind nur als Tarnung dienen, damit niemand ahnt, dass ich in Wahrheit doch so gefährlich und hintertrieben bin wie ich aussehe, sollten nun nicht weiterlesen – sie werden kaum auf ihre Kosten kommen. 

Aber dennoch kann ich versprechen, dass die kleinen Geheimnisse, die ich im Folgenden gestehe, moralisch nicht unbedingt weniger fragwürdig und für mich manchmal nicht weniger aufreibend sind. Und ich weiß ganz sicher, dass viele Mamas und Papas meine Geheimnisse teilen – ha!

Im Laufe der nunmehr bald acht Jahre als Mutter eines aufgeweckten Kindes habe ich mir ein paar schlechte Angewohnheiten zugelegt, die für mich nahezu überlebenswichtig geworden sind:

  • Ich heuchle Aufmerksamkeit: Ich hatte bereits zu Schulzeiten ein Talent dafür, im Unterricht nicht zuzuhören, aber wenn ich aufgerufen wurde, dennoch eine mehr oder weniger richtige Antwort parat. Dieses Talent habe ich in den letzten Jahren perfektioniert. Ich kann mir inzwischen stundenlang Ausführungen des Sohnemanns anhören – oder besser gesagt, eben nicht anhören – in denen er erklärt, warum Lavamonster stärker sind als Eismonster und was Erdmonster für besondere Fähigkeiten haben. Ohne darüber nachdenken zu müssen, streue ich „Mhms“ und „Ahas“ an der richtigen Stelle ein und kann sogar die ein oder andere Nachfrage zum Monolog einwerfen, während ich mir dabei beispielsweise den Text für die nächste Glosse ausdenke. Ähnlich verfahre ich bei gewissen Telefonaten, wobei ich da nebenbei sogar noch die Wäsche aufhänge, koche oder die Spülmaschine bestücke – Multitasking at its best!

  • Ich heuchle Askese: Gesunde Ernährung ist bei uns auf jeden Fall ein Thema. Gerne erzähle ich dem Sohnemann Geschichten über die guten und die schlechten Bakterien in seinem Darm und welche der Bakterien er mit welchen Lebensmitteln füttern muss, damit sich in seinem Bauch auch alle vertragen und das Immunsystem fit und stark bleibt. Und das Salatessen macht dem Sohnemann gleich viel mehr Spaß, wenn er sich vorstellt, damit die helle Seite der Macht im Universum der Darmbakterien zu unterstützen. Dennoch müssen auch die bösen Buben im Innenleben meines Kindes nicht darben. Gerade von den Großeltern werden meine Bemühungen hinsichtlich ausgewogener Kost gerne untergraben. So gibt es Zeiten, vor allem um Fest- und Feiertage herum, da stapeln sich bei uns die Naschereien und ich muss meine berühmte Predigt über das Maßhalten öfter von mir geben, als mir lieb ist und natürlich und vor allem mit gutem Beispiel vorangehen. Und alle die mich kennen, dürften wissen, wie schwer mir das besonders in Hinblick auf Schokolade fällt! So erwische ich mich oft genug dabei, wie ich die Gunst eines unbeobachteten Augenblicks nutze, um in die Küche zu schleichen, die Ohren aufzusperren, ob Mann und Kind auch wirklich nicht in der Nähe sind und ganz schnell eine Süße Köstlichkeit in mich hineinzustopfen. Und werde ich dennoch vom Sohnemann beim Kauen erwischt und kann der neugierigen Frage, was ich denn da gerade esse nicht ausweichen, nuschle ich ein „Nüsse“, denn die mag das Kind nicht. Zu faul für Heimlichkeiten greife ich auch schon mal auf profane Lügen zurück und sage dem Sohnemann, die leckeren und eigentlich völlig jugendfreien Pralinen, die ich da gerade in mich hineinstopfe, könne er ohnehin nicht essen, die seien mit Alkohol gefüllt.

  • Ich heuchle Selbstlosigkeit: Wenn der Göttergatte bereits den dritten Abend in der Woche zum Sport oder anderen aushäusigen Aktivitäten möchte und kleinlaut und zerknirscht fragt, ob das denn für mich auch in Ordnung sei, schon wieder abends mit dem Kind allein zu Hause zu hocken und ob ich mich denn auch nicht langweile, dann setze ich eine leicht enttäuschte Miene auf, verkünde dabei jedoch generös, dass das schon okay ist und dass mir bestimmt etwas einfallen wird, um mich zu beschäftigen. Innerlich führe ich derweil ein kleines Freudentänzchen zu der Musik einer Mariachi Band auf, die nur für mich in meinem Kopf spielt. Und kaum ist die Katze aus dem Haus, bugsiere ich den Sohnemann besonders früh ins Bett, indem ich ihm verspreche, dass er noch ein extralanges Hörspiel vor dem Einschlafen hören darf. Dann kommt Punkt zwei ins Spiel und ich krame alles an Süßigkeiten hervor, was ich finden kann und mache mich auf dem Sofa so breit wie nur irgend möglich, um schließlich den Fernseher anzuschalten und all die Serien zu gucken, die ich mir sonst nicht ansehen kann, ohne dass jemand im Zimmer ist, der unqualifizierte Kommentare dazu abgibt oder sich darüber aufregt, dass die Werbung immer dümmer und die Werbeunterbrechungen immer länger werden. Ja, ich weiß, die Partys sahen auch für mich vor zehn Jahren noch anders aus und statt nach einem Glas Rotwein vor dem Fernseher einzuschlafen floss der Tequila bis in die frühen Morgenstunden. Doch heute gebe ich zu: mir sind meine Ein-Frau-Fernsehgammel-Partys derzeit tausendmal lieber.
  • Apropos Fernsehen: Den Medienkonsum des Sohnemanns versuche ich natürlich auf ein angemessenes Maß zu beschränken und auch da bleibt es natürlich nicht aus, der Glaubwürdigkeit wegen als gutes Vorbild aufzutreten. Erkläre ich abendliches Fernsehen dann doch noch ganz pädagogisch wertvoll damit, dass Erwachsene ja eben doch einige Dinge machen, die Kinder noch nicht dürfen, weil sie ja auch ganz anders damit umgehen können, so gibt es verregnete Nachmittage, an denen ich mir die Pädagogik spare und gnadenlos meine Arbeit als Vorwand nutze, um mich gepflegt in den sozialen Netzwerken herumzutreiben oder auch schon einmal mit Kopfhörern gewappnet noch eine, wirklich nur noch eine letzte Folge meiner aktuellen Lieblingsserie gucke. Für den derweil brav spielenden Sohnemann mache ich in dieser Zeit noch Recherchen für einen Text, der ganz bald abgegeben werden muss – einer der vielen Vorteile, wenn man als Schreiberling von zu Hause aus arbeitet.

Nach diesem umfassenden Geständnis möchte ich noch ein paar Worte an mein Kind richten: Wenn du das hier liest, du darfst es mir später gerne heimzahlen. Wenn du in der Pubertät bist, bekomme ich geheimnistechnisch wahrscheinlich alles doppelt und dreifach zurück und falls nicht: Wenn ich einmal alt und klapprig bin und dir zum zehnten Mal von dem aufregenden letzten Bridgeabend erzähle, dann setze nur die „Mhms“ und „Ahas“ an den richtigen Stellen ein und bring mir mit Alkohol gefüllten Pralinen mit, denn die mag ich eigentlich überhaupt nicht!

 

Michaela ist Jahrgang 1979 und lebt und schreibt in Berlin. Schon während ihrer Jugend in der nordhessischen Provinz träumte sie vom Leben in der Metropole und nun verpasst sie dort tatsächlich die aufregenderen Sachen, wenn sie freitagabends einmal wieder beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen ist. Das Großstadtleben meistert sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Mann und hat den größten Respekt vor allen Zwillingseltern, weil sie weiß, dass sich schon ein Kind an manchen Tagen wie ganz viele anfühlen kann.

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