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Wer erzieht hier eigentlich wen?

Babys – unschuldige und zarte kleine Wesen, die nur darauf warten, dass die Eltern ihnen liebevoll aber bestimmt den Weg ins Leben weisen, kleine Gefäße, die gefüllt werden wollen mit Wertvorstellungen und Lebensweisheiten.

Babys – unschuldige und zarte kleine Wesen, die nur darauf warten, dass die Eltern ihnen liebevoll aber bestimmt den Weg ins Leben weisen, kleine Gefäße, die gefüllt werden wollen mit Wertvorstellungen und Lebensweisheiten. So oder so ähnlich dachte ich bis zur Geburt meines Sohnes. Wie sollte ich auch anders. Schließlich hatte mir niemand gesagt, dass man mit einem Baby nicht ein kleines formbares Geschöpf gebiert, sondern ein bereits fertiges kleines Menschenwesen auf die Welt bringt, das unverschämter Weise bereits sein eigenes Temperament und – ja das glaube ich inzwischen tatsächlich – seine ganz eigenen Vorstellungen davon hat, wie die Welt um es herum sein sollte.

 

Schon als Baby erlaubte sich mein Sohn nicht nur zu schreien und zu quengeln wenn er hungrig oder müde war. Auch frisch gestillt nach seinem Mittagsschläfchen zeigte er oft lautstark seine Unzufriedenheit. So ist es kaum verwunderlich, dass eines der ersten Wörter in seinem Wortschatz „NEEEEIIIIN!“ hieß und er später dann etwas ausgefeilter in der Phase der Zweiwortsätze eine Vorliebe für ein sehr konsequentes „WILL NICHT!“ hatte. Ja, so ein Kind kann für seine Größe schon ausgesprochen willensstark sein. Und so frage ich mich manches Mal: Wer erzieht hier eigentlich wen? Denn für all die Dinge, die ich dem Sohnemann in den letzten Jahren in mühseliger Kleinarbeit beigebracht habe, gibt es mindestens drei Sachen, die er mich gelehrt hat.

 

So habe ich inzwischen gelernt, dass, wer auch immer gesagt hat, Ordnung sei nur das halbe Leben, vollkommen recht hat. Habe ich in den ersten Lebensjahren meines Sohnes noch akribisch Playmobil und Duplo in verschiedene Kisten sortiert und zumindest aufgeräumt, wenn Besuch anstand oder mich wenigstens dafür entschuldigt, dass ich nicht zum Aufräumen gekommen bin, so haben wir inzwischen dank der Überzeugungskraft unseres Kindes nur noch Krimskramskisten und Besuch begrüße ich mit den Worten: „Ich wünschte, ich könnte sagen, hier sieht es sonst nicht so aus, aber das wäre glatt gelogen“. Ich habe eingesehen, dass es definitiv schöner ist, auf dem Sofa zu kuscheln oder sich gegenseitig durchzukitzeln als mit dem Wischmop durch die Gegend zu rennen.
Ich habe zudem eingesehen, dass sich Salat tatsächlich am besten mit den Fingern essen lässt, weil die kleinen grünen Blättchen auch wirklich schwer aufzuspießen sind. Ja, die Tischmanieren des Sohnemanns lassen an nicht wenigen Tagen zu wünschen übrig. Aber ich musste feststellen, dass ich mich beim Essen im Zweifelsfall lieber über das Wetter unterhalte als mir selber bei meinen sich ständig im Kreis drehenden Tiraden wie „Sitz ruhig benutze auch für den Salat eine Gabel iss ordentlich das Fleisch schneiden nicht reißen sitz ruhig…“ zuzuhören.

 

Und nicht nur ich, auch mein Göttergatte musste schon die ein oder andere erzieherische Maßnahme über sich ergehen lassen. So hat er vom Sohnemann in kürzester Zeit gelernt, was ich ihm in zehn Jahren Beziehung nicht nahebringen konnte: Versprochen ist versprochen und Pünktlichkeit ist eine Tugend. Denn Sohnemann lässt lahme Ausreden wie ein wichtiges Arbeitsmeeting keinesfalls gelten, wenn man doch für einen gemeinsamen Besuch in der Kletterhalle verabredet war. Da wird das Vatertier mit gnadenlosem Liebesentzug bestraft und selbst der verlockende Vorschlag, die verpatzte Verabredung durch abendliches gemeinsames Spielen auszugleichen wird abgelehnt mit der Begründung, dass man mit ihm spielt hätte der Papa jetzt nicht mehr verdient.
Ich bin also davon überzeugt: Wenn Eltern mit einem verklärten Lächeln behaupten, sie hätten durch ihre Kinder ja schon so viel Neues gelernt und würden die Welt noch einmal mit ganz anderen Augen sehen, dann ist das nichts weiter als der Code dafür, dass ihr Kind bei seiner Erziehung ausgesprochen erfolgreich war.

 

Doch muss ich zugeben, dass es immer häufiger Momente im Leben mit meinem Sohn gibt, in denen ich vor Stolz platzen könnte und denke, dass doch einige meiner Weisen Worte zwischen den Ohren hängen geblieben sind. So zum Beispiel, wenn er der Mutter einer Kindergartenfreundin, die doch tatsächlich meint, kleine glitzernde Pferdchen seien doch eher ein Spielzeug für Mädchen, selenruhig erklärt, dass es kein Jungs- und Mädchenspielzeug gibt, sondern das jeder spielen kann, womit er mag, so lange er damit niemandem weh tut. Oder wenn er beim Kauf unseres ersten Autos den Autohändler fragt, ob der Wagen denn auch möglichst umweltfreundlich sei. (Ironischerweise stellte sich hier später heraus, dass gerade das ausgewählte Modell vom Abgasskandal betroffen war und da hätte ich gerne eine Videoaufzeichnung von dem Moment gehabt, in dem der Autoverkäufer dem Sohnemann lächelnd in die großen blauen Kulleraugen schaut und versichert, dass der Wagen ganz besonders umweltfreundlich gebaut sei.)

 

Ich habe ja einmal gelesen, dass man Kindern am besten die Dinge beibringen kann, die einem auch wirklich wichtig sind und dass alles, was in die Kategorie „das macht man so“ fällt, selten überzeugend wirkt. Daher habe ich nun beschlossen, für diese Dinge geduldig auf die Enkelkinder zu warten – die können dann gerne meinem Sohn beibringen, dass sie ihr Playmobil und die Duplos lieber in getrennten Kisten hätten und dass sie nur mit ihm ins Restaurant gehen, wenn er auch den Salat mit der Gabel isst.

Michaela ist Jahrgang 1979 und lebt und schreibt in Berlin. Schon während ihrer Jugend in der nordhessischen Provinz träumte sie vom Leben in der Metropole und nun verpasst sie dort tatsächlich die aufregenderen Sachen, wenn sie freitagabends einmal wieder beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen ist. Das Großstadtleben meistert sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Mann und hat den größten Respekt vor allen Zwillingseltern, weil sie weiß, dass sich schon ein Kind an manchen Tagen wie ganz viele anfühlen kann.

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