Hallo liebe Sandra, danke dass Du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Das freut mich sehr.

Vielleicht magst Du erst mal etwas über Euch erzählen? Woher kommt Ihr und wer gehört alles zu Euch?

Hallo vielen Dank für das Interesse.  Wir kommen aus Voerde am Niederrhein, NRW.  Zu unserer Familie gehören:Mein Mann Alex, ich, Leif und Noah, Alex‘ Jungs aus vorheriger Beziehung, die regelmäßig Besuch sind und natürlich ganz viele Omas, Opas und sogar noch Urgroßeltern.

Wie hast Du von Deiner Drillingsschwangerschaft erfahren und was waren Deine ersten Gedanken dabei?

Es war in der 6. Schwangerschaftswoche bei 5+2, da wurde der erste Ultraschall gemacht.  Meine Ärztin: ich sehe 1, nein 2, nein 3 Fruchthüllen.  Ich entgegnete ihr, dass ist unmöglich ich habe nur 2 Eizellen zurück bekommen.  Das ist bestimmt nur eine Pseudofruchthülle und nächstes Mal ist die weg. Naja diese Pseudofruchthülle hatte mit den anderen 2 bei 6+2 einen sichtbaren Herzschlag.

Wie hat Dein Umfeld auf die Schwangerschaft reagiert?

Das ist eine schwierige Frage.  Meine Eltern haben sich sehr gefreut.  Waren aber auch ängstlich, weil ich in dem vergangenen Jahren 5 Fehlgeburten erlitten habe. Die Familie meines Mannes war zum Teil distanziert, bis auch Unverständnis, da mein Mann ja schon Kinder hatte. Seine Oma väterlicherseits hat sich aber sehr gefreut.

In der 30. SSW platzte bei einer Untersuchung die Fruchtblase Eurer Tochter. Wie ging es danach weiter?

Naja ich wurde stationär aufgenommen. Erneute Lungenreifespritze, CTG und eine Blutuntersuchung wurden gemacht.  Ich bekam Magnesium und Antibiose intravenös,  da ich laut CTG Wehen hatte. Das war am 4.8.2016 Der Termin für den Kaiserschnitt wurde für den 07.08.2016 terminiert,  damit genug Personal da ist.

 Am 5.8. ging es mir aber immer schlechter, ich bekam wehen artige Schmerzen, die das CTG nicht aufzeichnete.  Danach wurde ich von einem Assistenzarzt untersucht, der Sitz des Pessars wurde getastet. Ich war schon mal stationär in der Klinik wegen verkürzten Gebärmutterhals und bekam 22+0 eine Cerclage gelegt und 24+ schon mal die Lungenreifespritze und noch zusätzlich ein Arrabin Pessar.

Bei der Untersuchung lief wieder Fruchtwasser und mir wurde Beruhigungsmittel und Schmerzmittel verordnet.  Ich wurde gar nicht richtig ernst genommen. Das Schmerzmittel wirkte nur kurz und das Beruhigungsmittel gar nicht.  Am 6.8.2016 ging es mir immer schlechter aber auch da zeigte das CTG keinerlei Wehen. Mir wurde ja immer wieder gesagt,  Wehen sind gut für die Kinder, also muss ich da durch.

Abends wurde es so schlimm, dass ich Schüttelfrost, Atemnot und grünen Ausfluss bekam. Mein Mann rief die Schwester, weil ich zum klingeln keine Kraft mehr hatte. Sie kam sah mich, zog mich hoch, damit ich etwas Luft bekam und rief direkt im Kreißsaal an, deklarierte mich als handlungsbedürftigen Notfall. Das war um 21.11 Uhr, um 21:15 Uhr war ich im Kreißsaal, der Transportdienst und mein Mann sind mit meinem Bett gerannt. Dann haben wir eine gefühlte Ewigkeit gewartet, mir ging’s immer schlechter. Mein Mann ging jedes Mal raus, um Bescheid zu sagen. Er wurde vertröstet, dass gleich jemand kommen würde. Ich sagte nur zu ihm, bitte hilf mir Ohrringe und Piercings rauszumachen falls ich reanimiert werden muss.

21.45 Uhr: Die diensthabende Assistenzärztin kam gut gelaunt mit der Hebamme rein. “Dann wollen wir mal schauen, wir geben Ihnen heute nochmal Diazepam, denn morgen ist ja der Kaiserschnitt”. Die Hebamme zu mir beim Anschließen des Magnesiumtropfs: “Atmen sie richtig, ihre Kinder brauchen den Sauerstoff.” Ich hatte Atemnot. Dann wurde mir das CTG angelegt, meine Tochter hatte eine Herzfrequenz von 230, mein Sohn schräg drüber 190, bei meinem Sohn links fanden sie gar keine. Dann wurde Fieber gemessen, ich hatte 40,4 Grad, es folge eine vaginale Untersuchung, wo das ganze grüne Zeug rauslief. Dann kam endlich eine Oberärztin mit mobilen Ultraschallgerät, dies wurde kurz draufgehalten: Notsectio!

Ich weinte und entschuldigte mich bei meinem Mann, dass er nicht bei der Geburt dabei sein kann. Im OP bekam ich eine Maske auf, sollte versuchen ruhig durchzuatmen, bekam was gespritzt, weg war ich.

Wann konntest Du  Eure 2 überlebenden Drillinge das erste Mal sehen?

Das muss so am 7.8. 16 Uhr gewesen sein. Ich war ja vorher noch auf Intensiv Station.

Was hast Du gefühlt, als Du die beiden das erste Mal gesehen hast?

Ich habe mich gefragt,  ob das wirklich meine sein sollen.

Wann realisiert man diese schreckliche Nachricht, dass es Eure Tochter nicht geschafft hat und wie geht man damit um? Kannst du deine Gefühle in der ersten Zeit danach beschreiben?

Ich bekam die Nachricht auf Intensivstation.  Ich kämpfte selbst noch um mein Leben.  Mir liefen einfach nur die Tränen, ich hatte unsagbare Schmerzen und fühlte mich leer. Ein Teil von mir ist in diesem Moment gestorben.

Wie lief Euer Familienleben ab, nachdem die beiden aus dem Krankenhaus entlassen wurden?

Wir hatten viele Arzttermine im ersten Lebensjahr der Jungs, Frühchen werden engmaschig kontrolliert.  Mein Mann hatte auch etliche Arzttermine, da er seit der Geburt eine posttraumatische Belastungsstörung hat.

Noreia hat die Geburt nicht überlebt – das schlimmste was Eltern passieren kann. Wie schafft man es, trotzdem weiterzuleben und sich neu zu ordnen? Grad im Bezug auf die beiden Brüder?

Es musste irgendwie weitergehen.  Leif und Noah hatten es verdient, unsere ganze Liebe zu bekommen.  Auch sie haben einen wichtigen Teil von sich verloren.  Wir sind sehr bemüht, dass sie nicht im Schatten ihrer Schwester aufwachsen.

Was würdest du dir wünschen, dass Menschen im Umgang mit Sternenkinder-Eltern besser machen? 

Ein ganz wichtiger Punkt ist schweigt unsere Kinder nicht tot, denn das sind sie schon. Es ist für Sterneneltern wichtig die Erinnerung aufrecht zu erhalten.  Und Abschiednehmen ist auch wichtig.  Das ist etwas was wir nur bedingt hatten, ich z.B. hatte nur 15 Minuten mit meiner Tochter.

Hast du Tipps zur Bewältigung dieser enormen psychischen Belastung für andere Eltern? Was hilft Dir am besten?

Für Trauer gibt’s kein Patentrezept.  Leider. Geholfen hat uns als Familie nur eine psychosomatische Reha mit Schwerpunkt Traumafolgestörung um die Flashbacks und Intrusionen zu bekämpfen.  Aber die Sehnsucht bleibt.

Was sollte sich allgemein in Bezug auf dieses Thema Sternenkinder ändern?

Unsere Sternenkinder dürfen kein Tabuthema sein. Sie dürfen nicht totgeschwiegen werden und brauchen einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft.  Auch tote Kinder gehören zur Familie.

Wie lässt sich der Verlust von Noreia mit dem Familienleben vereinbaren? Wie bekommt man den Schritt hin, Leif und Noah an der Hand zu haben und  Noreia im Herzen?

Noreia war hier immer allgegenwärtig.  Hier hängen Fotos von ihr, mein Babygipsbauch mit den Namen aller 3. Auch gehen wir regelmäßig mit den Jungs zum Grab ihrer Schwester.

Leif und Noah wachsen ohne ihre Schwester auf, aber bleiben ja immer Drillinge – glaubst Du an die innerliche Verbundenheit von Drillingen oder auch Zwillingen, auch wenn sie sich eben nicht mehr sehen (können) bzw. nicht zusammen aufwachsen?

Ja definitiv.  Am Anfang war es gerade bei Leif sehr stark zu spüren.  Er hat sie immer gesucht. Vielleicht kann ich später mehr darüber berichten, wenn sie sich richtig äußern können. 

Danke für die Mühe und Deine Zeit – ich wünsche Euch nur das allerbeste und immer Menschen um Euch, die Euch in den traurigen Momenten auffangen und halten.

Danke für die Möglichkeit über unsere Geschichte zu berichten.

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